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Arbeiterkolonie Schederhof: das verschwundene Krupp-Viertel

1873 baute Krupp im Norden von Holsterhausen die Kolonie Schederhof – mit Konsum, Markt, Schulen und Schrebergärten. Heute ist davon nichts mehr zu sehen.

Spielplatz der Kruppschen Arbeiterkolonie Schederhof im Essener Westen um 1900
Foto: unbekannt, Public Domain, via Wikimedia CommonsPublic DomainQuelle

Du fährst über die Schederhofstraße im Norden von Holsterhausen. Links Gewerbe, rechts Gleise, dazwischen Lieferwagen. Nichts deutet darauf hin, dass hier einmal mehrere Tausend Menschen wohnten. Und doch stand genau hier eine der frühen Arbeiterkolonien von Krupp: der Schederhof.

Vom Bauernhof zum Krupp-Gelände

Der Name kommt von einem alten Hof. Der Schederhof wird schon 1437 erwähnt. Später erbten ihn die Augustiner Chorfrauen, die heute noch mit ihrem Kloster in Holsterhausen sind. 1864 kaufte Krupp den Hof. Die Firma brauchte dringend Platz für Wohnungen. Mehr zum alten Hof liest du im Beitrag Alte Höfe und Kotten.

Wohnungsnot in Essen

Anfang der 1860er-Jahre wuchs die Gussstahlfabrik von Alfred Krupp rasant. Immer mehr Arbeiter kamen, dazu kamen Bergleute für die Zechen. In Essen wurde der Wohnraum knapp. Krupp richtete deshalb ein eigenes Baubüro ein. 1861 und 1862 entstanden erste Meisterhäuser, 1863 die Kolonie Alt-Westend. Danach folgten Nordhof, Schederhof, Baumhof und Kronenberg.

Der Schederhof lag wenige hundert Meter von der Fabrik entfernt. Die Arbeiter erreichten sie durch eine Unterführung im Bahndamm. Geplant hat die Kolonie der Architekt Julius Rasch zusammen mit Alfred Krupp. Rasch hatte zuletzt auch die Bauleitung der Villa Hügel.

1873: Baracken und Sechsfamilienhäuser

Die Not war so groß, dass es schnell gehen musste. 1873 entstand zuerst der westliche Teil in einfacher Fachwerkbauweise. 70 Gebäude mit 270 Wohnungen zu je zwei Räumen. Meist lebten vier Familien in einem Haus. Man nannte sie „Baracken“. Im Januar 1873 schrieb Krupp die Bauarbeiten für 270 Arbeiterwohnungen und eine „Consum-Anstalt“ öffentlich in der Essener Volkszeitung aus. Übrigens: Die Straßenliste auf Wikipedia nennt 1874 als Baubeginn. Der Artikel zur Kolonie und diese Ausschreibung sprechen für 1873.

Ende 1873 kamen 82 Sechsfamilienhäuser mit 492 Wohnungen dazu. Sie hatten zwei oder drei Räume. Die meisten waren größer als in älteren Kolonien und hatten eine eigene Toilette. Das war damals ein echter Fortschritt. Die Häuser standen in parallelen Zeilen, bis zu dreigeschossig, in bis zu fünf Reihen. Insgesamt hatte die Kolonie 762 Mietwohnungen.

Ein Dorf in der Stadt

Der Schederhof war mehr als ein Haufen Häuser. Mitten in der Kolonie lag ein Marktplatz mit Bäumen. Ab 1881 hielt dort die Kruppsche Konsumanstalt mit Genehmigung der Regierung einen Wochenmarkt ab. Der Schederhof hatte außerdem:

  • eine evangelische Schule und die katholische Volksschule Holsterhausen III,
  • eine Haushaltsschule,
  • eine Apotheke und ein Postamt,
  • ein Junggesellenheim,
  • einen Konsum mit Schlachterei, Bäckerei, Kohlenverkauf und Kolonialwaren,
  • eine Gaststätte mit Kegelbahn,
  • Schrebergärten am Südende und einen Park südwestlich der Kolonie.

Die Schrebergärten und der Park waren neu im Krupp-Wohnungsbau. So viele Gemeinschaftseinrichtungen hatte es in einer Krupp-Siedlung vorher nicht gegeben.

Wer hier wohnte

Eine Zeitung zählte im April 1876 genau nach. In der Kolonie Schederhof lebten 2.379 Menschen. Davon waren 1.389 katholisch, 961 evangelisch und 29 anderen Glaubens. In den Baracken des ersten Bauabschnitts lebten zusätzlich 1.125 Menschen. Zum Vergleich: Die ganze Bürgermeisterei Altendorf hatte 1874 gut 20.000 Einwohner.

Teil einer größeren Gemeinde

Bis 1901 gehörte der Schederhof zur Bürgermeisterei Altendorf. Deren Holsterhauser Gebiet war in drei Sektionen eingeteilt. Die Sektionen 2 und 3 teilte sich die Kolonie Schederhof. Die Sektion 1 umfasste im Süden den Alfredshof und im Norden die Bahnanlagen zur Fabrik. Nach 1874 stoppte Krupp den Wohnungsbau aus Geldnot. Erst um 1891 ging es mit dem Alfredshof weiter.

Schederhof und Alfredshof im Vergleich

Der Schederhof war schnell und praktisch gebaut. Es ging darum, möglichst viele Menschen unterzubringen. Zwanzig Jahre später plante Krupp den Alfredshof ganz anders. Dort gab es kleine Häuser mit Gärten nach dem Vorbild englischer Gartenstädte. Beide Siedlungen liegen nur wenige Minuten auseinander. Zusammen zeigen sie, wie sich die Idee vom Arbeiterwohnen in kurzer Zeit verändert hat: von der Baracke zur Gartenstadt.

Das Ende der Kolonie

Im Ersten Weltkrieg zogen noch einmal Werksangehörige in die Baracken. Im August 1915 wurde ihr Wohnheim an der Hobeisenstraße zum Lazarett umgebaut. Auf dem Stadtplan von 1920 sind die Baracken aber schon nicht mehr eingezeichnet. Der zentrale Schederhofer Platz verschwand um 1945.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand südlich der Schederhofstraße ein Gewerbegebiet. Nördlich liegt heute das Bahnbetriebswerk. Die Stadt Essen nennt das Schederhofviertel inzwischen das Gewerbe- und Industriegebiet des Stadtteils. Von der Arbeiterkolonie sind keine Reste mehr vorhanden. Im Schederhofviertel stand auch das Druckhaus der Funke Mediengruppe. Es schloss Mitte 2020. 2021 wurde das rund 28.000 Quadratmeter große Gelände an eine Immobilienfirma verkauft, die die Gebäude neu vermietet. So bleibt der Norden von Holsterhausen ein Ort der Arbeit – nur anders als früher.

Spuren suchen

Die Schederhofstraße hieß früher Wilhelmstraße. Sie trägt heute den Namen des alten Hofs und damit auch der Kolonie. Lauf sie einmal bewusst entlang und stell dir die Häuserreihen, den Marktplatz und die Schrebergärten vor. Auf der Karte findest du die Lage. Den Überblick gibt die Geschichte von Holsterhausen.

Fazit

Die Kolonie Schederhof war eine der frühen Krupp-Siedlungen. 1873 entstanden hier 762 Wohnungen mit Konsum, Markt, Schulen und Gärten. Tausende Menschen lebten hier. Heute ist nichts mehr davon zu sehen – nur der Straßenname hält die Erinnerung wach.

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