Geschichte von Essen-Holsterhausen: Vom Bauernland zum Klinik-Kiez
Von Hof Ehrenzell 966 über Krupp, Eingemeindung 1901 und Wiederaufbau bis zur neuen IG: die Geschichte von Essen-Holsterhausen mit Zeitleiste.

Donnerstagnachmittag auf der Gemarkenstraße. Die Marktstände stehen, es riecht nach Obst und frischem Brot. Jemand radelt über die Fahrradstraße, vor dem „Holsterhauser Dom“ sitzen Leute in der Sonne. Unter deinen Füßen: Stadtbahn, Leitungen, Asphalt. Und darunter? Ein Stück Wald. Denn genau hier standen früher Bäume, Felder und ein paar verstreute Höfe.
Holsterhausen ist heute einer der größten Stadtteile von Essen. Zwischen Rüttenscheid, Frohnhausen, Südviertel und Margarethenhöhe leben aktuell gut 26.000 Menschen. Wie wurde aus Bauernland ein Klinik-Kiez? Diese Seite erzählt die Geschichte von Essen-Holsterhausen in Etappen – mit allen wichtigen Daten, die sich belegen lassen.
Die Zeitleiste: Holsterhausen auf einen Blick
- um 800 – Am Hellweg entsteht der Oberhof Ehrenzell. Zu ihm gehören später viele abgabepflichtige Höfe in der Umgebung, darunter der Schederhof.
- 966 – Kaiser Otto I. schenkt den Hof Ehrenzell dem Stift Essen. Er gilt als Kern des Dreibauerschaftsquartiers aus Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen.
- 1437 – Johan up dem Berge wird mit dem Gut „op der Schede“ belehnt. Daraus wird der Schederhof.
- 1528 – Das Gut Howerde wird genannt. Sein Name lebt in der Straße Hohe Warte weiter.
- 1685 – Eine katholische Bekenntnisschule an der Grenze der drei Bauerschaften wird erstmals urkundlich erwähnt.
- 1751 – Die Familie Cocy verkauft mit Erlaubnis der Fürstäbtissin eine Hälfte des Wientgenhofs. Der Kotten Bramkamp bleibt bei ihr. An ihn erinnern Bramkampstraße und Bramkamphof.
- 18. Jahrhundert – Im Mühlenbachtal wird Kohle im Stollen abgebaut. Die kleine Zeche Hobeisen muss wegen starker Wasserzuflüsse nach kurzer Zeit aufgeben. Die Hobeisenstraße trägt ihren Namen.
- 1808 – Nach dem Ende des Stifts kommt Holsterhausen zur Munizipalität Borbeck.
- um 1823 – Die Gemarkenstraße bekommt ihren Namen. Sie verbindet die beiden Teile der Frohnhauser Mark.
- 1864 – Krupp kauft den Schederhof. Ab 1873 entsteht dort die Arbeiterkolonie Schederhof.
- 1. Januar 1874 – Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen bilden die eigene Bürgermeisterei Altendorf.
- 1893 – Der Bau der Krupp-Siedlung Alfredshof beginnt. Im selben Jahr fährt die erste Straßenbahn von Essen durch Altendorf.
- 1895–1897 – Die Kirche St. Mariä Empfängnis entsteht, der spätere „Holsterhauser Dom“.
- 1. August 1901 – Die Bürgermeisterei Altendorf wird nach Essen eingemeindet. Holsterhausen ist ab jetzt ein Stadtteil von Essen.
- 16. Mai 1902 – Viele Straßen bekommen neue Namen. Das Malerviertel und die Techniker-Ecke entstehen auf dem Stadtplan.
- 1908 – An der Margaretenstraße beginnt der Unterricht in der späteren Alfred-Krupp-Schule.
- 29. Juli 1909 – Die Städtischen Krankenanstalten öffnen. Aus ihnen wird das Universitätsklinikum Essen.
- 1909 – Der Holsterhauser Platz wird benannt. Die Stadt hatte im Eingemeindungsvertrag einen Marktplatz versprochen.
- 1924 – Im Hinterhof der Gemarkenstraße 18 öffnet eine Tankstelle. Sie gilt später als älteste Tankstelle Deutschlands.
- 22. März 1931 – Die Stahlkirche von Otto Bartning wird als Melanchthonkirche eingeweiht. Im selben Jahr ziehen Kloster und Schule der Augustiner Chorfrauen nach Holsterhausen.
- 9. März 1942 – Brandbomben zerstören die Stahlkirche. Im Zweiten Weltkrieg wird Holsterhausen weitgehend zerstört.
- ab 1945 – Holsterhausen wird zum größten zusammenhängenden Wiederaufbaugebiet Westdeutschlands.
- 1950–1952 – St. Mariä Empfängnis wird wieder aufgebaut. 1950 öffnet im Klinikum als Erstes wieder die Kinderklinik.
- 1955 – Die Bundesbahn baut einen 181 Meter hohen Richtfunkmast. Er steht bis 1971. Die Straße Am Funkturm erinnert daran.
- späte 1950er-Jahre – Krupp baut die Siedlung Alfredspark.
- 1963 – Die Krankenanstalten werden medizinische Fakultät. Der Weg zur Uniklinik beginnt.
- 1970–1972 – Die neue Melanchthonkirche entsteht, mit dem bunten Turm von Otto Herbert Hajek.
- 27. November 1981 – Die Stadtbahnlinie U17 fährt über Gemarkenplatz und Holsterhauser Platz zur Margarethenhöhe.
- 2007 – Die Skulptur „Mann aus der Enge hervortretend“ kommt an die Ecke Gemarkenstraße/Menzelstraße.
- 2012–2016 – Die Interessengemeinschaft Holsterhausen (IGH) ist als Zusammenschluss der Geschäftsleute aktiv, mit Stadtteilfest und verkaufsoffenem Sonntag.
- 31. Mai 2019 – Nach 95 Jahren endet der Tankbetrieb an der Gemarkenstraße 18.
- 12. August 2020 – Die Gemarkenstraße wird Fahrradstraße.
- 8. Mai 2025 – Neugründung der IG Holsterhausen e. V. als gemeinnütziger Verein für den ganzen Stadtteil.
Kapitel 1: Wald, Höfe und ein Kaiser (bis 1800)
Der Name verrät, wie es hier einmal aussah. Holsterhausen bedeutet so viel wie „die am Holze hausten“. Also die Leute, die am Wald wohnten. Mehr dazu liest du im Beitrag über den Namen und das Wappen.
Die älteste Spur ist eine Schenkung. 966 gab Kaiser Otto I. den Hof Ehrenzell an das Stift Essen. Die Stadt Essen schreibt den Namen „Ericseli“. Der Hof galt als Mitte der drei Bauerschaften Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen. Wichtig: Wikipedia nennt 966 als erste Erwähnung. Die Stadt Essen formuliert vorsichtiger. Holsterhausen selbst sei erst später urkundlich genannt worden.
Eine Bauerschaft war kein Dorf mit Marktplatz. Es waren verstreute Höfe und Kotten mit Feldern und Wald dazwischen. Einige Namen kennst du heute von Straßenschildern: Schederhof, Hohe Warte, Rüscherie oder Demrathkamp. Ihre Geschichte erzählt der Beitrag Alte Höfe und Kotten.
Kapitel 2: Kohle, Krupp und eine eigene Gemeinde (1800–1901)
Um 1800 ging das Stift Essen unter. 1808 kam Holsterhausen zur Munizipalität Borbeck. Am 1. Januar 1874 wurde die eigene Bürgermeisterei Altendorf gegründet. Ihr einziger Bürgermeister war Wilhelm Kerckhoff. Die Kerckhoffstraße erinnert an ihn.
Dann wurde es voll. Direkt nebenan wuchs die Gussstahlfabrik von Krupp. 1887 arbeiteten dort rund 20.000 Menschen. Die Bürgermeisterei wuchs von gut 20.000 auf rund 66.000 Einwohner. Sie war damit die größte Landgemeinde in Preußen. Bergbau gab es in Holsterhausen dagegen nur wenig.
Krupp baute Wohnungen für seine Arbeiter. 1873 entstand im Norden die Kolonie Schederhof. Ab 1893 folgte der Alfredshof, geplant von Robert Schmohl. 1895 begann der Bau von St. Mariä Empfängnis nach Plänen von Josef Seché. Alles über diese Zeit findest du im Beitrag Eingemeindung 1901.
Wie eng es damals wurde, zeigt eine Zahl. 1876 lebten in der Kolonie Schederhof 2.379 Menschen, in den einfachen Baracken daneben noch einmal 1.125. Es gab einen Konsum mit Bäckerei und Schlachterei, Schulen, eine Apotheke und ein Postamt. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Wo die Kolonie stand, liegt jetzt ein Gewerbegebiet.
Kapitel 3: Holsterhausen wird Essen (1901–1933)
Am 1. August 1901 war es so weit: Die Bürgermeisterei Altendorf kam zur Stadt Essen. Im Vertrag standen Versprechen. Eine höhere Schule und ein Platz für den Wochenmarkt. Beides wurde umgesetzt. 1908 begann an der Margaretenstraße der Unterricht in der späteren Krupp-Oberrealschule. 1909 bekam der Holsterhauser Platz seinen Namen.
Auch die Straßen bekamen Ordnung. Eine Kommission unter Oberbürgermeister Erich Zweigert schlug Namensgruppen vor. So entstanden Malerviertel, Ärzteviertel und Techniker-Ecke. Warum du in der Rembrandtstraße wohnst und nicht in der „Schulstraße“, erklärt der Beitrag über die Straßennamen.
1909 öffneten die Städtischen Krankenanstalten an der Hufelandstraße. Sie hatten zu Beginn 481 Betten. Aus ihnen wurde später die Uniklinik – ein Riese, der das Viertel bis heute prägt. Die ganze Entwicklung liest du in der Geschichte des Klinikums.
1931 kamen zwei besondere Nachbarn. Die Augustiner Chorfrauen zogen mit ihrer B.M.V.-Schule an die Bardelebenstraße. Und am Holsterhauser Platz wurde die Stahlkirche aufgebaut. Otto Bartning hatte sie 1928 für eine Ausstellung in Köln entworfen. Mehr dazu im Beitrag über die Kirchen im Viertel.
Kapitel 4: Diktatur und Zerstörung (1933–1945)
Auch in Holsterhausen griff die NS-Zeit in den Alltag ein. Straßen wurden umbenannt. Die Simsonstraße, benannt nach dem jüdischen Juristen Eduard von Simson, hieß ab 1938 Gustloffstraße. Jüdische Nachbarn wurden verfolgt, vertrieben und ermordet. An sie erinnern die Stolpersteine.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Nähe zu Krupp zum Verhängnis. Am 9. März 1942 brannte die Stahlkirche aus. Im zerstörten Bunker daneben starben 84 Menschen. St. Mariä Empfängnis wurde bis auf die Außenmauern zerstört. Auch die Krankenanstalten lagen fast völlig in Trümmern. Details erzählt der Beitrag Holsterhausen im Zweiten Weltkrieg.
Kapitel 5: Aufbau aus Trümmern (1945–1970)
Nach dem Krieg begann ein riesiger Neuanfang. Holsterhausen wurde zum größten zusammenhängenden Wiederaufbaugebiet Westdeutschlands. Oft wurde nicht einfach repariert. Ganze Siedlungen wurden abgerissen und neu geplant. Etwa drei Viertel aller Wohnungen im heutigen Stadtteil entstanden nach dem Krieg. Viele Geflüchtete aus dem Osten fanden hier ein Zuhause.
Straßen verschwanden, andere kamen neu dazu. Die Kruppstraße wurde Stück für Stück zum Ruhrschnellweg, der heutigen A40. Die Kirche an der Gemarkenstraße stand ab 1952 wieder. In den späten 1950er-Jahren baute Krupp den Alfredspark. Wie sich das anfühlte, liest du im Beitrag Aus Trümmern gebaut.
Ein schönes Zeitdokument stammt aus dieser Phase. Im November 1957 drehte ein US-Team einen Lehrfilm über eine Familie aus Essen. Die Familie lebte in Holsterhausen. Der Film zeigt die Straßenbahn an der Haltestelle Rubensstraße, einen Schulbesuch in der Keplerschule und den Kirchgang zu St. Mariä Empfängnis. So sah Alltag im Wiederaufbau aus. Am 9. Januar 1964 öffnete an der Papestraße außerdem das Jugendzentrum Essen. Es war ein Geschenk der Stadt an die Jugend und stand bis 2014.
Kapitel 6: Turm, Tunnel und Uniklinik (1955–2000)
Holsterhausen wurde technischer. 1955 stellte die Bundesbahn einen 181 Meter hohen Richtfunkmast auf. Er diente dem Telefonverkehr nach Frankfurt. 1971 wurde er abgebaut. Der heutige Fernsehturm an der A40 ist ein anderer Turm. Er ist 159 Meter hoch und wurde von der Deutschen Bundespost gebaut. Beide findest du im Beitrag Orte mit Geschichte.
Aus den Krankenanstalten wurde Schritt für Schritt eine Universitätsklinik. 1963 kam die Fakultät, 1972 die Gesamthochschule Essen. 1981 fuhr die U17 zum ersten Mal über Gemarkenplatz und Holsterhauser Platz. Wie Bahn und Tram den Stadtteil verändert haben, zeigt die Straßenbahn-Geschichte.
Kapitel 7: Die Gemarkenstraße und ihre Geschäftsleute
Die Gemarkenstraße ist viel älter als der Stadtteil Essen-Holsterhausen. Schon um 1823 trug sie ihren Namen. Nach dem Krieg wurde sie wieder zur Einkaufsstraße. Der US-Lehrfilm aus dem Jahr 1958 zeigt die Familie auch beim Einkaufen auf der Gemarkenstraße. Heute nennt die Stadt Essen sie „die Einkaufsstraße in Holsterhausen“.
Die Geschäftsleute taten sich lange in der Interessengemeinschaft Holsterhausen zusammen, kurz IGH. Sie war eine Werbegemeinschaft der Selbstständigen rund um die Gemarkenstraße. Sie organisierte zum Beispiel das Fest „Holsterhausen erleben“ und einen verkaufsoffenen Sonntag mit Mittelaltermarkt. Die ganze Geschichte der Straße steht im Beitrag über die Gemarkenstraße.
Kapitel 8: Ein Verein für alle (seit 2025)
Am 8. Mai 2025 fand die Gründungsversammlung der neuen IG Holsterhausen e. V. statt. Sieben Gründungsmitglieder nahmen die Satzung einstimmig an. Der Verein verfolgt laut Satzung gemeinnützige Zwecke, etwa Heimatpflege, Kultur und Bildung. Er richtet sich nicht mehr nur an Geschäftsleute, sondern an alle im Viertel. Wie du mitmachen kannst, erfährst du unter Mitmachen oder direkt bei der IG Holsterhausen.
Spuren, die du heute noch findest
- Den Simson-Block an der Ecke Keplerstraße/Simsonstraße. Er ist der einzige geschlossene Rest des Alfredshofs.
- Die zwei Glocken der Stahlkirche neben der Melanchthonkirche. Eine trägt die Inschrift „Friede auf Erden“ – und einen tiefen Riss.
- Das Wichernhaus an der Planckstraße, gebaut 1910 und 1911 für die Siedlung Alfredshof.
- Die Straßennamen selbst. Sie sind ein Geschichtsbuch zum Draufstehen. Alle findest du im Straßenverzeichnis.
- Berühmte Menschen aus dem Viertel, etwa Henry Wickenburg. Er wurde 1819 in Holsterhausen geboren. Eine Stadt in Arizona trägt seinen Namen. Mehr unter Menschen.
Alle historischen Orte siehst du auf der Karte. Wer tiefer graben will, stöbert im Magazin in der Rubrik Geschichte oder in den Zahlen zum Stadtteil.
Fazit
Holsterhausen war erst Wald und Bauerschaft, dann Krupp-Revier, dann Trümmerfeld und schließlich Klinik-Kiez. Seit dem 1. August 1901 gehört es zu Essen. Der Stadtteil hat sich immer wieder neu erfunden. Mit der neuen IG Holsterhausen schreibst du das nächste Kapitel mit.