Aus Trümmern gebaut: der Wiederaufbau von Holsterhausen
Holsterhausen war nach 1945 das größte zusammenhängende Wiederaufbaugebiet Westdeutschlands. Was das für dein Viertel heute bedeutet.
Schau mal aus deinem Fenster. Siehst du ein Haus mit schlichter Fassade, drei oder vier Stockwerken und einfachen Fenstern? Dann siehst du wahrscheinlich ein Stück Wiederaufbau. In Holsterhausen ist das eher die Regel als die Ausnahme.
Ein Stadtteil liegt in Trümmern
Holsterhausen lag direkt neben den Werken von Krupp. Im Zweiten Weltkrieg war das ein riesiges Problem. Die Fabriken waren ein Hauptziel der Luftangriffe. Die Bomben trafen nicht nur die Hallen, sondern auch die Wohnviertel daneben.
Am Ende des Krieges war Holsterhausen weitgehend zerstört. Das galt auch für die Nachbarn Altendorf und Frohnhausen. Die Kirche St. Mariä Empfängnis stand nur noch als Außenmauer. Die Städtischen Krankenanstalten waren nahezu völlig kaputt. Die Krupp-Siedlung Alfredshof lag fast komplett in Schutt. Was genau passiert ist, erzählt der Beitrag Holsterhausen im Zweiten Weltkrieg.
Das größte Wiederaufbaugebiet im Westen
Nach dem Krieg begann eine enorme Aufgabe. Holsterhausen wurde zum größten zusammenhängenden Wiederaufbaugebiet Westdeutschlands. So beschreibt es die Stadt Essen.
Dabei wurde nicht einfach alles so hingestellt wie vorher. Teilweise wurden ganze Siedlungen und Häuser abgerissen und neu aufgebaut. Das ging, weil mehrere Grundstücke zusammengelegt wurden. So konnten große Projekte entstehen. In ganz Essen wurden zwischen 1950 und 1961 über 100.000 neue Wohnungen gebaut. Holsterhausen und Altendorf waren dabei Schwerpunkte. Wer heute durch das Viertel läuft, sieht deshalb oft ganze Straßenzüge aus einem Guss.
Das Ergebnis siehst du bis heute. Etwa drei Viertel aller Wohnungen in Holsterhausen sind nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Das ist ein enorm hoher Anteil.
Straßen verschwinden, Straßen entstehen
Der Wiederaufbau veränderte auch den Stadtplan. Einige Beispiele aus dem Straßenverzeichnis:
- Die Mörikestraße wurde nach dem Krieg ganz neu angelegt und 1954 benannt. Vorher verliefen hier Teile von Lordstraße und Beiseweg.
- Die Hölderlinstraße heißt seit 1954 so. Ein Stück hieß früher „Friedrichshof“ – nach einer Krupp-Siedlung.
- Die neue Asthöwerstraße gibt es seit 1957. Die alte war überbaut worden.
- Die Gewerbehofstraße wurde 1957 für ein neues Gewerbegebiet angelegt.
- Am Alfredspark und die heutige Jenckestraße bekamen 1959 ihre Namen.
Später kam der Ausbau der Kruppstraße zum Ruhrschnellweg dazu, der heutigen A40. Seit den 1960er-Jahren trägt nur noch ein kurzes Stück in Holsterhausen den Namen Kruppstraße. Ein Foto der Stadt Essen zeigt schon im Dezember 1954 Neubauten an der Kruppstraße – „am späteren Ruhrschnellweg“.
Neue Nachbarn aus dem Osten
Der Wiederaufbau brachte nicht nur neue Häuser, sondern auch neue Menschen. Viele Geflüchtete und Vertriebene aus dem Osten fanden in Holsterhausen eine neue Heimat. Die Einwohnerzahl stieg stetig. Die Stadt Essen schreibt: Holsterhausen begann sich zu entfalten.
Das hat das Viertel geprägt. Holsterhausen war schon damals ein Ort, an dem Menschen neu anfingen. Das zieht sich bis heute durch: Studierende, Klinik-Beschäftigte, Familien aus vielen Ländern. Mehr dazu im Beitrag über Vielfalt in Holsterhausen.
Kirchen, Schulen und Klinik kommen zurück
Auch die großen Gebäude wurden wieder aufgebaut. St. Mariä Empfängnis entstand von 1950 bis 1952 neu, mit etwas gedrungenerer Turmspitze. Bis dahin feierte die Gemeinde in einer Notkirche an der Barthel-Bruyn-Straße. Die Leute nennen die Kirche gern den „Holsterhauser Dom“.
Die Schwestern der B.M.V.-Schule begannen schon am 19. Oktober 1945 wieder mit dem Unterricht. Nur zwei Klassenräume waren nutzbar, also wurde in Schichten gelernt. Auch der zerstörte Klosterturm wurde wieder aufgebaut. Auf dem Platz der zerstörten Stahlkirche entstand von 1946 bis 1948 ein Gemeindesaal.
Im Klinikum öffnete 1950 als Erstes die Kinderklinik wieder, 1953 die Medizinische Klinik. 1955 gab es wieder rund 1.450 Betten. Mehr dazu erfährst du in der Geschichte des Uniklinikums.
Kunst als Erinnerung
Wer genau hinschaut, findet Zeichen dieser Zeit. Die Skulptur „Die drei Grazien“ von Adolf Heinrich ist auf 1959 datiert – also mitten in der Aufbauzeit. An der Ecke Gemarkenstraße und Menzelstraße steht seit 2007 eine Bronzeskulptur von Waldemar Otto: „Mann aus der Enge hervortretend“. Der Essener Bürgerbund hat sie aufstellen lassen. Sie steht für die Auferstehung des Viertels aus den Ruinen. Und neben der Melanchthonkirche erinnern zwei Glocken der Stahlkirche an die Zerstörung.
Wie der Alltag damals aussah
Stell dir die späten 1940er-Jahre vor. Wohnraum war das wichtigste Thema überhaupt. Jede neue Wohnung war ein kleiner Sieg. Gebaut wurde schnell und sparsam. Deshalb sehen viele Häuser aus dieser Zeit ähnlich aus: einfache Putzfassaden, klare Fenster, schlichte Dächer.
Einen echten Blick in diese Zeit gibt ein US-Lehrfilm von 1958. Gedreht wurde im November 1957. Er zeigt eine Familie aus Holsterhausen beim Einkaufen auf der Gemarkenstraße, die Straßenbahn an der Haltestelle Rubensstraße und den Kirchgang zu St. Mariä Empfängnis. Parallel kamen die Läden zurück. Die Gemarkenstraße wurde wieder zur Einkaufsstraße. Alles, was man zum Leben brauchte, war bald wieder zu Fuß erreichbar.
Auch Bus und Bahn mussten neu anfangen. Die Essener Straßenbahn hatte im Krieg rund 92 Prozent ihrer Wagen verloren. Ab dem 25. April 1945 rollten die ersten Linien wieder. Ende 1950 galt der Wiederaufbau des Netzes als abgeschlossen. Wie es danach weiterging, liest du in der Straßenbahn-Geschichte.
Warum Nachkriegsbau besser ist als sein Ruf
Häuser aus den 1950er-Jahren haben keinen Glamour. Keine Stuckdecken, keine verspielten Erker. Aber sie haben Stärken. Die Grundrisse sind oft praktisch. Und die Stadt Essen weist ausdrücklich darauf hin, dass die meisten Wohnhäuser in Holsterhausen Gärten oder begrünte Innenhöfe haben. Wenn du gerade eine Wohnung suchst, lies auch den Beitrag über Altbau und Nachkriegsbau.
Fazit
Der Krieg hat Holsterhausen fast vollständig zerstört. Danach entstand hier das größte zusammenhängende Wiederaufbaugebiet Westdeutschlands. Rund drei Viertel der Wohnungen stammen aus der Zeit nach 1945. Das schlichte Stadtbild ist also kein Zufall, sondern ein Denkmal fürs Neuanfangen. Mehr Zusammenhänge findest du auf der Seite Geschichte von Holsterhausen.