Holsterhausen im Zweiten Weltkrieg: Bomben, Bunker und Verlust
Die Nähe zu Krupp wurde Holsterhausen zum Verhängnis. Was die NS-Zeit und die Luftangriffe im Viertel zerstörten – und welche Spuren bis heute bleiben.

Neben der Melanchthonkirche stehen zwei alte Glocken auf dem Boden. Kein Turm, kein Seil. Durch eine geht ein tiefer Riss. Die Inschrift lautet „Friede auf Erden“. Wer davorsteht, versteht ohne Worte, was hier passiert ist. Diese Glocken sind der Anfang einer Geschichte, die Holsterhausen für immer verändert hat.
Ein Viertel neben der Waffenschmiede
Holsterhausen lag direkt neben den Fabriken von Krupp. Das war lange ein Vorteil: Arbeit, Wohnungen, Schulen. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zur Gefahr. Die Krupp-Werke waren ein Hauptziel der alliierten Luftangriffe. Die Bomben trafen nicht nur die Hallen, sondern auch die Wohnviertel daneben. Die Stadt Essen schreibt: Holsterhausen, Altendorf und Frohnhausen wurden vor allem wegen dieser Nähe weitgehend zerstört.
Schon vor dem Krieg: die NS-Zeit im Viertel
Die Zerstörung begann nicht mit Bomben. Ab 1933 veränderte das NS-Regime den Alltag. Einige Beispiele aus Holsterhausen:
- Straßen wurden umbenannt. 1933 wurde die Corlißstraße zur Erich-Garthe-Straße. 1938 wurde die Simsonstraße zur Gustloffstraße. Ihr Namensgeber Eduard von Simson war ein jüdischer Jurist. Die Bendemannstraße hieß ab 1938 Hildebrandtstraße.
- In der Melanchthonkirche setzten sich die regimetreuen „Deutschen Christen“ durch. Am 17. Dezember 1935 wurde der expressionistische Körper vom Altarkreuz entfernt. Solche Kunst galt dem Regime als unerwünscht.
- An der Krupp-Oberrealschule waren laut einem Zeitungsbericht von 1935 fast alle Schüler in der Hitlerjugend.
- 1940 verbot das Regime den Unterricht an der katholischen B.M.V.-Schule der Augustiner Chorfrauen.
Jüdische Nachbarn wurden entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet. An sie erinnern die Stolpersteine an der Gemarkenstraße, Ladenspelderstraße, Cranachstraße und weiteren Straßen.
9. März 1942: Die Stahlkirche brennt
Im März 1942 begann die britische Luftwaffe mit Flächenangriffen auf die Industriestädte an Rhein und Ruhr. Schon am 9. März 1942 traf es die Stahlkirche am Holsterhauser Platz. Sie war laut Wikipedia das erste Essener Gotteshaus, das zerstört wurde. Brandbomben trafen das Gebäude aus Stahl und Glas. Es brannte aus und schmolz zu einem Gerippe. Später wurde es verschrottet.
Noch schlimmer: Der zugehörige Melanchthon-Bunker wurde ebenfalls zerstört. In den Trümmern starben 84 Menschen. Von den fünf Glocken der Kirche konnten zwei beschädigt geborgen werden. Sie stehen heute als Mahnmal neben der Melanchthonkirche.
Schulen, Kirchen, Klinik
Die Angriffe gingen weiter. 1942 wurde die heutige Alfred-Krupp-Schule an der Margaretenstraße beschädigt. Viele Kinder kamen in die Kinderlandverschickung, also aufs Land. Der Unterricht fand zeitweise im Wechsel in einer anderen Schule statt.
Die Kirche St. Mariä Empfängnis an der Gemarkenstraße wurde von mehreren Bomben getroffen, zuletzt am 11. März 1945. Am Ende standen nur noch die Außenmauern. Die 1930 gebaute Kirche St. Stephanus wurde 1944 zerstört. Auch Kloster und Schule der Augustiner Chorfrauen an der Bardelebenstraße lagen in Trümmern.
Besonders hart traf es die Städtischen Krankenanstalten, das heutige Uniklinikum. Der gesamte Komplex wurde nahezu völlig zerstört. Strom und Wasser fielen aus. Ende 1944 wurden Patienten in 45 Betten in Luftschutzkellern versorgt. Andere mussten in andere Krankenhäuser ausweichen.
Siedlungen im Bombenhagel
Die Krupp-Siedlung Alfredshof wurde schwer zerstört. Ihr erster Bauabschnitt aus den 1890er-Jahren verschwand vollständig. Nur der Simson-Block an der Keplerstraße blieb als geschlossenes Viertel stehen. Von der älteren Arbeiterkolonie Schederhof im Norden ist heute gar nichts mehr übrig. Auch das Rathaus der früheren Bürgermeisterei Altendorf fiel den Angriffen zum Opfer.
Stillstand in der Stadt
Auch die Straßenbahn litt schwer. Beim großen Angriff auf Essen am 5. März 1943 wurden weite Teile des Netzes getroffen. Viele Strecken fuhren zeitweise nur noch mit Bussen. Am 8. April 1945 stellte die letzte Linie ihren Betrieb ein. Am Ende hatte die Essener Straßenbahn rund 92 Prozent ihrer Wagen verloren. Mehr dazu in der Straßenbahn-Geschichte.
1945: Namen kehren zurück
Nach dem Kriegsende wurden die NS-Straßennamen schnell wieder abgeschafft. Am 15. Mai 1945 wurden aus Hildebrandt- und Erich-Garthe-Straße wieder Bendemann- und Corlißstraße. Am 18. Juni 1945 bekam die Simsonstraße ihren Namen zurück. Der Gustloffplatz wurde aufgehoben. Kleine Schilder, großes Zeichen.
Warum Erinnern hier so wichtig ist
Krieg klingt nach Geschichtsbuch. In Holsterhausen ist er aber ganz konkret. Er hat die Häuser geformt, in denen du wohnst, und die Straßen, durch die du gehst. Viele ältere Nachbarn haben Eltern oder Großeltern, die diese Zeit erlebt haben. Frag sie ruhig. Oft erfährst du Dinge, die in keiner Quelle stehen. Und wer weiß, was damals in der eigenen Straße geschah, erkennt Ausgrenzung heute schneller.
Was du heute noch siehst
- Die zwei Glocken der Stahlkirche am Holsterhauser Platz.
- Den Simson-Block an der Keplerstraße/Simsonstraße.
- Die Stolpersteine vor den Häusern verfolgter Nachbarn.
- Die schlichten Nachkriegshäuser. Rund drei Viertel aller Wohnungen im Stadtteil entstanden nach 1945.
- Die Skulptur „Mann aus der Enge hervortretend“ an der Gemarkenstraße. Sie steht für die Auferstehung aus den Ruinen.
Wie das Viertel danach neu entstand, erzählt der Beitrag Aus Trümmern gebaut. Gedenkorte findest du unter Gedenken und auf der Karte.
Fazit
Die Nähe zu Krupp machte Holsterhausen im Zweiten Weltkrieg zum Ziel. Die Stahlkirche brannte schon 1942, 84 Menschen starben im Bunker daneben. Kirchen, Schulen, Klinik und Siedlungen wurden schwer zerstört. Dazu kam die Verfolgung von Nachbarn in der NS-Zeit. Wer heute durch Holsterhausen geht, läuft über diese Geschichte – und kann sie an vielen Stellen noch sehen.


