Vom Stadtkrankenhaus zur Uniklinik: die Geschichte des Klinikums
1909 eröffnet, im Krieg zerstört, heute eine Universitätsklinik: wie das Klinikum an der Hufelandstraße Holsterhausen geprägt hat.

Früh um halb sechs. Die ersten Leute in Kitteln und Sportschuhen laufen zur Haltestelle. Ein Rettungswagen biegt in die Hufelandstraße ein. Holsterhausen ist noch müde, das Klinikum ist schon hellwach. So ist das jeden Tag. Und so ist das schon seit über hundert Jahren.
Ein Krankenhaus für die wachsende Stadt
Um 1900 wuchs Essen rasant. Kohle und Stahl zogen Menschen an. Mit ihnen kamen Krankheiten, Unfälle und Seuchen. Die Stadt brauchte ein großes, modernes Krankenhaus.
Am 15. Juli 1905 beschloss die Stadtverordnetenversammlung den Bau. Der Standort lag im Süden von Holsterhausen, das erst 1901 zur Stadt gekommen war. Am 29. Juli 1909 wurden die Städtischen Krankenanstalten eröffnet. Sie hatten 481 Betten, verteilt auf eine Hautklinik, eine Wöchnerinnenstation und eine allgemeinmedizinische Klinik.
Stück für Stück größer
Das Krankenhaus wuchs schnell. Ein Jahr nach der Eröffnung kam eine Augenklinik dazu, 1913 eine Frauenklinik. Im April 1929 begann der Bau der Kinderklinik. Der Architekt war Ernst Bode, Beigeordneter der Stadt. Die Kinderklinik hatte vier Obergeschosse und ging im Juli 1931 in Betrieb. 1936 öffnete das Robert-Koch-Haus für Forschung.
1940 wurde eine weitere Medizinische Klinik fertig. Jetzt hatten die Krankenanstalten rund 1.400 Betten und über 700 Beschäftigte. Ein Patient blieb damals im Schnitt 25 Tage im Krankenhaus. Heute wäre das kaum vorstellbar. Auf einem Foto der Stadtbildstelle von 1956 siehst du übrigens die Gartenanlage der Krankenanstalten – Grün gehörte von Anfang an dazu.
Ein Viertel wächst ums Krankenhaus
Das Krankenhaus veränderte die Umgebung. Die Straßen ringsum tragen die Namen berühmter Ärzte. Die Hufelandstraße und die Virchowstraße gab es schon 1902. 1910 kamen Bardeleben, Billroth und Esmarch dazu. Mehr dazu im Beitrag über die Straßennamen.
Wo ein großes Krankenhaus ist, siedeln sich auch Praxen, Apotheken und Läden an. Das ist bis heute so. Rund um das Klinikum findest du viele Ärzte, Zahnärzte und Apotheken.
Zerstörung im Krieg
Im Zweiten Weltkrieg wurde der gesamte Komplex nahezu völlig zerstört. Strom und Wasser fielen aus. Ende 1944 lagen Patienten in 45 Betten in Luftschutzkellern. Andere mussten in andere Krankenhäuser ausweichen. Mehr über diese Zeit erzählt der Beitrag Holsterhausen im Zweiten Weltkrieg.
Neubeginn nach 1945
Nach Kriegsende begann der Wiederaufbau. 1950 öffnete als Erstes wieder die Kinderklinik. Drei Jahre später folgte die Medizinische Klinik. 1955 gab es wieder 1.450 Betten und 900 Beschäftigte. Kurz darauf kam ein neues Verwaltungsgebäude. 1958 entstand mit Stiftungsgeld eine neurologische Abteilung. 1962 wurde hier der erste Herzschrittmacher eingesetzt und die erste Dialyse gemacht. Der Wiederaufbau war Teil des großen Neuanfangs im ganzen Stadtteil. Mehr dazu im Beitrag über den Wiederaufbau.
Vom Stadtkrankenhaus zur Uniklinik
Treibende Kraft für eine Universitätsklinik war ab Mitte der 1950er-Jahre der Pathologe Walter Müller. Er war ärztlicher Direktor der Krankenanstalten. Der Weg war etwas verschlungen:
- 1963 wurden die Krankenanstalten zur zweiten medizinischen Fakultät der Universität Münster.
- 1967 wurde das Klinikum Teil der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum.
- 1972 kam es zur Universität-Gesamthochschule Essen.
- 1973 übernahm das Land Nordrhein-Westfalen die Trägerschaft.
- 2001 wurde das Klinikum eine selbstständige Anstalt des öffentlichen Rechts.
- 2003 entstand durch eine Fusion die Universität Duisburg-Essen. Zu ihr gehört das Klinikum seitdem.
Neubauten und berühmte Köpfe
Mit der Uniklinik kamen viele Neubauten. 1964 öffnete das neue Robert-Koch-Haus. 1967 folgten die HNO- und Augenklinik sowie die Strahlen- und Tumorklinik. Aus ihr ging später das Westdeutsche Tumorzentrum hervor. Seit 1974 liegt auch die LVR-Universitätsklinik auf dem Gelände. 2003 kam das Westdeutsche Herzzentrum, 2013 nahm das Westdeutsche Protonentherapiezentrum den Betrieb auf.
Einige Menschen haben hier Medizingeschichte geschrieben. Gerhard Meyer-Schwickerath leitete von 1959 bis 1985 die Augenklinik. Er begründete die Lichtkoagulation der Netzhaut, aus der die heutige Laserbehandlung wurde. An ihn erinnern der Gerhard-Meyer-Schwickerath-Platz und eine Büste. Der Neurochirurg Wilhelm Grote leitete die Neurochirurgische Klinik und lebte in Holsterhausen.
Was das Klinikum heute ausmacht
Heute arbeiten laut Wikipedia mehr als 8.000 Menschen in rund 60 Gebäuden mit 27 Kliniken und 24 Instituten. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Transplantationsmedizin und Krebsmedizin. Die Deutsche Krebshilfe hat das Westdeutsche Tumorzentrum als Onkologisches Spitzenzentrum ausgezeichnet.
Das Klinikum ist längst über Holsterhausen hinausgewachsen. Seit 2009 gehört die Ruhrlandklinik in Heidhausen dazu, seit 2013 das St. Josef Krankenhaus in Werden. Jedes Jahr werden rund 55.000 Menschen stationär und rund 300.000 ambulant versorgt. In der Covid-19-Pandemie zählte das Klinikum zu den größten Behandlungszentren in Deutschland. Für Medizinstudierende gibt es seit 2014 ein eigenes Lehr- und Lernzentrum mit Übungsräumen, in denen sie an Simulationspatienten trainieren können.
Ausbildung und Hilfe mitten im Viertel
Das Klinikum ist auch ein großer Ausbildungsort. Es gibt Schulen für Gesundheitsberufe, etwa die Bildungsakademie, dazu Medizinstudierende. Das bringt viele junge Menschen nach Holsterhausen. Warum das den Stadtteil prägt, liest du im Beitrag über Studierende und Klinik-Personal.
Rund um das Klinikum ist ein Netz aus Hilfe entstanden. Ein Beispiel ist das Elternhaus der Essener Elterninitiative für krebskranke Kinder. Hier können Eltern wohnen, während ihr Kind behandelt wird.
Das Klinikum und der Alltag im Viertel
Ein Krankenhaus kennt keine Öffnungszeiten. Das merkst du im Viertel: Früh ist viel los, spät auch. Für die Nachbarschaft hat das zwei Seiten. Einerseits ist es ein großer Arbeitgeber direkt vor der Tür. Andererseits bringt es viel Verkehr. Nimm am besten Bus und Bahn. Alle Linien findest du im Ratgeber Bus und Bahn in Holsterhausen. Das Gelände siehst du auf der Karte.
Fazit
Seit dem 29. Juli 1909 steht an der Hufelandstraße ein großes Krankenhaus. Aus 481 Betten der Städtischen Krankenanstalten wurde über mehrere Stationen das Universitätsklinikum. Es hat Holsterhausen geprägt wie kaum etwas anderes: mit Straßennamen, Arbeitsplätzen, Forschung und einem Viertel, das nie ganz schläft. Den großen Rahmen zeigt die Geschichte von Holsterhausen.


