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Kirchen in Holsterhausen: Neugotik, Stahl und Sichtbeton

Vom „Holsterhauser Dom“ über die legendäre Stahlkirche bis zum bunten Turm von Hajek: Kirchen und ihre Architektur erzählen die Geschichte von Holsterhausen.

Gelb, Rot und Blau leuchtet ein Turm über dem Holsterhauser Platz. Ein paar Minuten weiter ragt eine spitze neugotische Turmspitze über die Gemarkenstraße. Zwei Kirchen, zwei Welten. Dazwischen liegen Krieg, Wiederaufbau und eine der verrücktesten Kirchen, die es je in Essen gab.

Warum so viele Kirchen entstanden

Bis ins 19. Jahrhundert gingen die Katholiken aus Holsterhausen zur Pfarrkirche St. Johann in der Essener Innenstadt. Das war ein weiter Weg. Dann kamen mit Krupp und dem Bergbau Tausende neue Menschen. Neue Kirchen mussten her. 1887 gründete sich ein Kirchbauverein für Holsterhausen. Er zerstritt sich und teilte sich auf. Im Norden entstand daraus die Kirche St. Mariä Geburt an der damaligen Steinforthstraße, der heutigen Harkortstraße. Im Süden ging es an der Gemarkenstraße weiter.

St. Mariä Empfängnis: der Holsterhauser Dom

Im Frühjahr 1895 wurde der Grundstein für St. Mariä Empfängnis gelegt. Der Architekt war Josef Seché. Er entwarf die Kirche im Stil der Neugotik. Das heißt: spitze Bögen, hohe Fenster, ein schlanker Turm – so wie die Kathedralen des Mittelalters.

Am 24. Dezember 1896 wurde der erste Gottesdienst gefeiert, in einer nur grob fertigen Kirche. 1897 stand der Bau mit Turm. Am 23. Juli 1897 wurde die Kirche geweiht. 1903 wurde sie eine eigene Pfarrei. Im selben Jahr wie der Turm kamen die Glocken. Die Glockengießerei Otto aus Hemelingen bei Bremen lieferte vier Bronzeglocken. Drei davon haben beide Weltkriege überstanden und hängen noch heute im Turm.

Im Zweiten Weltkrieg trafen mehrere Bomben die Kirche, zuletzt am 11. März 1945. Nur die Außenmauern blieben stehen. Die Gemeinde feierte in einer Notkirche an der Barthel-Bruyn-Straße. Von 1950 bis 1952 baute der Architekt Willy Weyres die Kirche wieder auf. Die Turmspitze wurde dabei gedrungener. Statt des hohen Mittelfensters im Altarraum gibt es jetzt ein dreiteiliges Bild aus dem Leben Marias. Von 1988 bis 1993 wurde die Kirche aufwendig restauriert. 2012 bekam sie ein neues Dach mit rund 1.500 Quadratmetern Fläche.

Die Stahlkirche: ein Wunder aus Glas

Die spannendste Kirche von Holsterhausen gibt es nicht mehr. Der Architekt Otto Bartning entwarf sie 1928 für die große Presseausstellung „Pressa“ in Köln. Sie bestand fast nur aus Stahl und Glas. Der Grundriss hatte die Form einer Parabel. Zwischen den Stahlstützen saßen über 600 bunt verglaste Fensterfelder. Gestaltet hat sie die Glasmalerin Elisabeth Coester. In Architekturkreisen galt die Kirche als Höhepunkt der Ausstellung. Sie machte Bartning weltweit bekannt.

Nach der Ausstellung wurde die Kirche abgebaut und der evangelischen Gemeinde Essen-West geschenkt. Sie wurde am Holsterhauser Platz wieder aufgebaut und am 22. März 1931 als Melanchthonkirche eingeweiht. Die Melanchthonstraße wurde nach ihr benannt.

Das Glück hielt nicht lange. In der NS-Zeit distanzierte sich die Gemeinde von der modernen Kunst. Am 9. März 1942 zerstörten Brandbomben die Kirche. Sie schmolz zu einem Gerippe. Im Bunker daneben starben 84 Menschen. Zwei Glocken wurden geborgen. Sie stehen heute als Mahnmal neben dem Eingang des Nachfolgebaus.

Die neue Melanchthonkirche: Beton und Farbe

Nach dem Krieg entstand auf dem Platz zuerst ein Gemeindesaal, gebaut von 1946 bis 1948. 1964 gab es einen Architektenwettbewerb. Von 1970 bis 1972 wurde die neue Melanchthonkirche gebaut. Prägend ist die Gestaltung von Otto Herbert Hajek mit dem Turm in Gelb, Rot und Blau. Der Bau aus Sichtbeton ist ein klares Kind der 1970er-Jahre. Heute gehört das Melanchthon-Gemeindezentrum zur Evangelischen Erlöserkirchengemeinde Holsterhausen.

St. Stephanus: Kirche mit kurzer Zeit

1930 wurde der Bezirk St. Stephanus von St. Mariä Empfängnis abgetrennt und eine eigene Gemeinde. Die Kirche war im selben Jahr fertig. 1944 wurde sie im Krieg zerstört. In den 1950er-Jahren folgte ein Neubau. 2008 fand dort der letzte Gottesdienst statt. 2011 wurde das Gebäude an die Heimstatt-Engelbert-Stiftung verkauft. Die Gemeinde war schon 2006 wieder mit St. Mariä Empfängnis zusammengelegt worden. An sie erinnert die Straße An St. Stephan.

Evangelisch im Norden: Wichernhaus und Lukaskirche

1908 schenkte die Familie Krupp der evangelischen Gemeinde ein Grundstück in der Siedlung Alfredshof. Dort baute Carl Nordmann 1910 und 1911 das Wichernhaus. Es war Gottesdienststätte und Mehrzweckhaus zugleich. Gleich daneben liegt die frühere Lukaskirche. Im November 2008 wurde sie geschlossen, als die Gemeinden Holsterhausen und Erlöserkirche fusionierten. Heute ist sie das Lukas-K-Haus, ein Mehrgenerationenhaus.

Hinter Klostermauern

1931 zogen die Augustiner Chorfrauen mit ihrer Schule an die Bardelebenstraße. Der Grundstein für Kloster und Schule wurde am 22. Juni 1930 gelegt, am Entwurf war Emil Jung beteiligt. Im Krieg wurde der Klosterturm teilweise zerstört und danach wieder aufgebaut. Die Klosterkirche steht laut Stadt Essen auch Gästen zum Gottesdienst offen. Mehr dazu unter Kloster der Augustiner Chorfrauen.

Vielfalt heute

Heute gibt es in Holsterhausen noch mehr Gemeinden, etwa die methodistische Friedenskirche an der Menzelstraße. Einen Überblick gibt die Seite Kirchen und Gemeinden in Holsterhausen.

Fazit

Die Kirchen von Holsterhausen sind ein Architektur-Museum unter freiem Himmel. Neugotik von 1897, eine legendäre Stahlkirche von 1931, Sichtbeton mit Farbe von 1972. Jede erzählt vom Wachstum, von der Zerstörung und vom Neuanfang des Viertels. Den großen Zusammenhang findest du auf der Seite Geschichte von Holsterhausen.