Vom Hof im Wald zum Großstadtviertel: die Geschichte von Holsterhausen
Wald, Bauernhöfe, Kohle und Stahl: So wurde aus einer kleinen Bauerschaft einer der größten Stadtteile von Essen.
Du stehst an der Gemarkenstraße. Die U17 rumpelt vorbei, jemand trägt Brötchen nach Hause, vor dem Kiosk wird über Fußball gestritten. Kaum zu glauben: Genau hier war früher Wald. Dazu ein paar Bauernhöfe. Mehr nicht.
Die Geschichte von Holsterhausen ist die Geschichte des Ruhrgebiets im Kleinen. Sie beginnt ruhig, wird dann sehr schnell und sehr laut. Und sie hat mit einem Neuanfang nach dem Krieg zu tun, der das Bild des Viertels bis heute prägt. Die komplette Zeitleiste findest du auf der Seite Geschichte von Holsterhausen.
Die Leute am Holz
Schon der Name verrät viel. Holsterhausen heißt so viel wie: die Leute, die am Holz hausten. Also am Wald. Die Gegend war früher dicht bewaldet. Die Menschen hier lebten von Landwirtschaft und Holz.
Das Stadtteilwappen erzählt genau das. Auf rotem Grund steht ein weißes Fachwerkhaus. Es steht für die Endung „-hausen“. Über dem Dach siehst du goldene Stämme mit kurzen Ästen. Sie erinnern an die Waldarbeiter. Entworfen hat das Wappen der Heraldiker Kurt Schweder. Er hat Ende der 1980er-Jahre für alle Essener Stadtteile Wappen gestaltet. Offiziell ist das Wappen nicht, aber die Leute mögen es. Mehr dazu im Beitrag über Name und Wappen.
966: Ein Kaiser verschenkt einen Hof
Die älteste Spur führt ins Jahr 966. Damals schenkte Kaiser Otto I. den Hof Ehrenzell dem Konvent des Stifts Essen. Auf der Seite der Stadt Essen heißt er „Ericseli“. Der Hof galt als Zentrum eines kleinen Gebiets aus drei Bauerschaften: Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen. Man nannte es das Dreibauerschaftsquartier.
Ein kleiner Haken: Wikipedia wertet 966 als erste urkundliche Erwähnung von Holsterhausen. Die Stadt Essen schreibt dagegen, Holsterhausen selbst sei erst später erwähnt worden. Ein genaues Jahr nennt sie nicht. Sicher ist: Der Hof Ehrenzell ist 966 belegt.
Eine Bauerschaft ist kein Dorf mit Kirchplatz und Marktstraße. Es sind verstreute Höfe und Kotten mit Feldern, Weiden und Wald dazwischen. Einige dieser Höfe kennst du noch von Straßenschildern, etwa den Schederhof oder die Hohe Warte. Ihre Geschichten stehen im Beitrag Alte Höfe und Kotten.
Neue Herren, neue Grenzen
Lange gehörte das Gebiet zum Stift Essen. Um 1800 kam die große Umwälzung. Kirchlicher Besitz wurde verstaatlicht. 1808 kam Holsterhausen zur Munizipalität Borbeck. Am 1. Januar 1874 bildeten die drei alten Bauerschaften eine eigene Bürgermeisterei: Altendorf. Ihr erster und einziger Bürgermeister war Wilhelm Kerckhoff. An ihn erinnert die Kerckhoffstraße.
Das klingt nach Verwaltungskram. Es zeigt aber etwas Wichtiges. Die drei Viertel im Westen der Essener Innenstadt gehörten lange zusammen. Wenn du heute von Holsterhausen über die Frohnhauser Straße nach Frohnhausen oder Altendorf läufst, bewegst du dich in einem alten gemeinsamen Raum.
Kohle, Stahl und sehr viele Menschen
Im 19. Jahrhundert änderte sich alles. Gleich nebenan wuchs die Gussstahlfabrik von Krupp. 1887 arbeiteten dort rund 20.000 Menschen. Die Bürgermeisterei Altendorf hatte bei ihrer Gründung gut 20.000 Einwohner. Bis 1901 waren es rund 66.000. Damit war sie die größte Landgemeinde in Preußen.
Bergbau spielte in Holsterhausen selbst nur eine kleine Rolle. Im 18. Jahrhundert gab es Stollen im Mühlenbachtal. Die Zeche Hobeisen musste wegen starker Wasserzuflüsse bald aufgeben. Die Hobeisenstraße trägt noch ihren Namen. Später bauten Zechen aus der Nachbarschaft unter dem Stadtteil Kohle ab.
Aus Feldern wurden Straßen. Aus Höfen wurden Häuserblocks. Krupp baute selbst Wohnungen für seine Arbeiter. 1873 entstand im Norden die Kolonie Schederhof. Ab 1893 folgte die Siedlung Alfredshof. Ihre Geschichte steht im Beitrag Krupp baut ein Viertel.
Mit den Menschen kamen Kirchen und Schulen. 1895 begann der Bau von St. Mariä Empfängnis an der Gemarkenstraße. Eine alte katholische Schule an der Grenze der drei Bauerschaften wurde mehrmals erweitert, weil ständig mehr Kinder kamen.
1. August 1901: Holsterhausen wird Essen
Die Bürgermeisterei Altendorf wuchs so schnell, dass sie allein kaum noch klarkam. Am 1. August 1901 wurde sie nach Essen eingemeindet. Holsterhausen war ab jetzt offiziell ein Stadtteil. Im Eingemeindungsvertrag versprach die Stadt eine höhere Schule. Daraus wurde 1908 die Realschule an der Margaretenstraße, die heutige Alfred-Krupp-Schule. Außerdem sollte ein Platz für den Wochenmarkt entstehen. So kam der Holsterhauser Platz zu seinem Namen. Alle Details stehen im Beitrag Eingemeindung 1901.
In den folgenden Jahren kamen große Bauten dazu. 1909 eröffneten die Städtischen Krankenanstalten an der Hufelandstraße. Daraus wurde später das Universitätsklinikum. Viele Straßen bekamen damals neue Namen. Deshalb findest du so viele Maler, Ärzte, Juristen und Techniker auf den Schildern. Mehr dazu im Text über die Straßennamen.
Zerstört und neu gebaut
Die Nähe zu Krupp wurde im Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis. Die Fabriken waren ein Hauptziel der Luftangriffe. Holsterhausen lag direkt daneben. Der Stadtteil wurde weitgehend zerstört. Wie das im Einzelnen aussah, liest du im Beitrag Holsterhausen im Zweiten Weltkrieg.
Nach dem Krieg begann ein riesiger Neuanfang. Holsterhausen wurde zum größten zusammenhängenden Wiederaufbaugebiet Westdeutschlands. Etwa drei Viertel aller Wohnungen im heutigen Stadtteil sind nach dem Krieg entstanden. Viele Menschen, die aus dem Osten geflohen waren, fanden hier ein neues Zuhause. Die ganze Geschichte erzählt der Beitrag über den Wiederaufbau.
Was davon heute noch zu sehen ist
Du musst nicht lange suchen, um Spuren zu finden. Achte einmal auf diese Dinge:
- Die Kirche St. Mariä Empfängnis an der Gemarkenstraße. Sie wurde 1895 bis 1897 gebaut und 1950 bis 1952 wieder aufgebaut.
- Den Simson-Block an der Ecke Keplerstraße/Simsonstraße. Er ist der einzige geschlossene Rest des Alfredshofs.
- Die Skulptur „Mann aus der Enge hervortretend“ an der Ecke Gemarkenstraße und Menzelstraße. Der Essener Bürgerbund hat sie 2007 aufgestellt. Sie erinnert an den Aufbruch nach dem Krieg.
- Die vielen schlichten Häuser aus den 1950er-Jahren. Sie sind nicht spektakulär, aber sie sind das eigentliche Denkmal des Wiederaufbaus.
Holsterhausen heute
Aktuell leben gut 26.000 Menschen in Holsterhausen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist es der viertgrößte Stadtteil Essens. Er liegt südwestlich der Innenstadt, zwischen Rüttenscheid, Margarethenhöhe, Frohnhausen, Westviertel und Südviertel. Die A40 schneidet durch den Norden, das Klinikum prägt den Süden. Mehr Zahlen findest du im Beitrag Holsterhausen in Zahlen.
Der Wald ist weg. Die Holzleute auch. Geblieben ist ein Viertel, das immer wieder neu angefangen hat. Seit dem 8. Mai 2025 gibt es mit der neu gegründeten IG Holsterhausen e. V. auch einen Verein, der sich um Heimatpflege und Stadtteilgeschichte kümmert. Historische Orte findest du auf der Karte und unter Orte.
Fazit
Holsterhausen war erst Wald, dann Bauerschaft, dann Krupp-Revier und nach dem Krieg eine riesige Baustelle. Seit dem 1. August 1901 gehört es zu Essen. Wer die Geschichte kennt, sieht den Stadtteil mit anderen Augen – und versteht, warum er so bodenständig und wandelbar ist.