Das Künstlerviertel in Essen-Holsterhausen

Dürer, Rembrandt, Lenbach: Im Künstlerviertel von Essen-Holsterhausen tragen 34 Straßen die Namen von Malern. Wer sie waren und wie du sie erkundest.

Albrecht Dürers „Feldhase“ (1502) – Dürer ist einer der Namensgeber im Holsterhauser Künstlerviertel
Bild: Albrecht Dürer, Public Domain, via Wikimedia CommonsPublic DomainQuelle

Du stehst an der Ecke und wartest auf jemanden. Dein Blick fällt auf das Straßenschild: Dürerstraße. Zwei Ecken weiter heißt es Holbein, dann Cranach, dann Rembrandt. Irgendwann fragst du dich: Wer hat sich das ausgedacht? Und warum ausgerechnet hier, mitten in Essen-Holsterhausen?

Die Antwort ist eine kleine Kunstgeschichte zum Mitlaufen. Rund um die Gemarkenstraße und den Holsterhauser Platz tragen 34 Straßen die Namen von Malern und Grafikern. Von der Spätgotik bis ins frühe 20. Jahrhundert ist fast alles dabei. Hier auf dem Portal heißt die Ecke Künstlerviertel. In der Wikipedia-Liste der Holsterhauser Straßen und in vielen Texten über den Stadtteil liest du den Namen Malerviertel. Gemeint ist dasselbe Viertel.

Warum heißen hier die Straßen nach Malern?

Die Geschichte beginnt mit einem Durcheinander. Holsterhausen gehörte bis 1901 zur Bürgermeisterei Altendorf, zusammen mit Altendorf und Frohnhausen. Die Häuser dort waren nach Sektionen nummeriert. Als immer mehr Straßen dazukamen, gab es plötzlich gleiche Hausnummern in einem Bezirk. Für Post und Behörden war das ein Chaos.

1901 kam Holsterhausen zur Stadt Essen. Danach bildete die Stadt eine Kommission unter Oberbürgermeister Erich Zweigert. Ihre Idee: Jeder Teil des neuen Stadtgebiets bekommt eine eigene Gruppe von Straßennamen. Im Norden von Holsterhausen landeten Unternehmer und Techniker. Rund um die städtischen Krankenanstalten, das heutige Uniklinikum, kamen Ärzte dazu. Und im Zentrum bekamen die Maler ihr Revier.

Viele Straßen gab es schon vorher, nur mit anderen Namen. Die Dürerstraße hieß Klementzstraße. Aus der Schulstraße wurde die Rembrandtstraße, aus der Leostraße die Holbeinstraße und aus der Haardtstraße die Cranachstraße. Die Thalstraße heißt heute Ladenspelderstraße. Der Stichtag für viele dieser Wechsel war der 16. Mai 1902. An diesem einen Tag bekamen laut der Liste 50 Holsterhauser Straßen ihren heutigen Namen, 15 davon im Künstlerviertel.

Wann kamen welche Namen dazu?

Das Viertel ist nicht an einem Tag fertig geworden. Es ist mitgewachsen, Straße für Straße.

  • 1902: der große Wurf mit Dürer, Cranach, Holbein, Rembrandt, Rubens, Lenbach, Kaulbach und vielen mehr. Die Schnorrstraße folgte im Dezember 1902.
  • 1903 bis 1912: Führich, Defregger, Camphausen, Piloty, Kraus, dann 1909 gleich vier auf einmal: Gebhardt, Lauenstein, Steinhausen und Uhde. 1910 kam Bendemann, 1912 Müller.
  • 1922 bis 1931: die Ittenbachstraße, der Achenbachhang (vorher Achenbachstraße), die Kleine Lenbachstraße und 1931 die Böcklinstraße.
  • 1959 und 1977: Die Rafaelstraße bekam 1959 ihr zweites f und heißt seitdem Raffaelstraße. Die Corneliusstraße wurde 1977 zur Hans-Thoma-Straße.

Einen dunklen Moment gab es auch. Von 1938 bis 1945 hieß die Bendemannstraße Hildebrandtstraße. Nach dem Krieg bekam sie ihren alten Namen zurück.

Die Künstler: eine Zeitreise in sechs Etappen

Spätgotik und Renaissance: die alten Meister

Ganz nah an der Gemarkenstraße liegen die ältesten Namen. Martin Schongauer (um 1445/1450–1491) war Kupferstecher und Maler aus Colmar. Seine Kupferstiche waren schon zu Lebzeiten weit verbreitet. Albrecht Dürer (1471–1528) aus Nürnberg war Maler, Grafiker und Mathematiker. Lucas Cranach der Ältere (um 1472–1553) malte als Hofmaler in Sachsen unter anderem Martin Luther. Raffael (1483–1520) war der Star der italienischen Hochrenaissance.

Dazu kommen Barthel Bruyn der Ältere (1493–1555), ein gefragter Porträtmaler aus Wesel, der in Köln arbeitete. Hans Holbein der Jüngere (1497/98–1543) starb in London. Heinrich Aldegrever (1502 bis zwischen 1555 und 1561) war Kupferstecher und Siegelschneider in Soest. Und dann ist da ein echter Essener: Johann Ladenspelder, um 1512 in Essen geboren, genannt „Johann von Essen“. Maler und Kupferstecher, gestorben nach 1560.

Barock: die großen Namen aus Flandern und Holland

Peter Paul Rubens (1577–1640) wurde in Siegen geboren. Er war Maler und Diplomat. Rembrandt van Rijn (1606–1669) aus Leiden gilt als einer der wichtigsten Künstler der Niederlande. Beide Straßen liegen direkt am Holsterhauser Platz.

Romantik und Nazarener: eine kleine Gruppe auf engem Raum

Die Nazarener waren junge Maler, die um 1810 in Rom zusammenlebten. Sie wollten die Kunst durch Religion und alte Vorbilder erneuern. Im Künstlerviertel liegen ihre Straßen fast Tür an Tür: Friedrich Overbeck (1789–1869), Philipp Veit (1793–1877), Joseph von Führich (1800–1876) und die Schnorrstraße für den Maler der Romantik Schnorr von Carolsfeld. Wilhelm von Schadow (1788–1862) gehörte ebenfalls dazu. Er wurde später Direktor der Kunstakademie Düsseldorf.

Düsseldorfer Malerschule: die Nachbarn vom Rhein

Unter Schadow wurde Düsseldorf zu einer der wichtigsten Kunststädte. Viele seiner Schüler und Nachfolger haben im Viertel eine Straße. Eduard Bendemann (1811–1889) leitete später selbst die Akademie. Andreas Müller (1811–1890) malte Kirchen- und Historienbilder, genau wie Franz Ittenbach (1813–1879). Andreas Achenbach (1815–1910) war Landschaftsmaler. Wilhelm Camphausen (1818–1885) malte Schlachten und Soldaten. Heinrich Lauenstein (1835–1910) und Eduard von Gebhardt (1838–1925) lehrten als Professoren an der Akademie. Peter Janssen der Ältere (1844–1908) war ihr Direktor. Der Genremaler Friedrich Kraus (1826–1894) ergänzt die Runde.

Münchner Malerfürsten: große Bilder, große Namen

Wilhelm von Kaulbach (1804–1874) malte riesige Wand- und Geschichtsbilder. Auch weitere Mitglieder der Familie Kaulbach wurden Maler. Die Straße ist aber nach Wilhelm benannt. Carl Theodor von Piloty (1826–1886) war ein berühmter Historienmaler und Lehrer. Einer seiner Schüler war Franz von Lenbach (1836–1904). Er porträtierte Bismarck und Kaiser. Gleich zwei Straßen tragen seinen Namen: die Lenbachstraße und die Kleine Lenbachstraße. Franz von Defregger (1835–1921) aus Osttirol malte Szenen aus dem Leben in den Bergen.

Realismus und Symbolismus: der Weg in die Moderne

Adolph von Menzel (1815–1905) zeichnete genau hin, auch in Fabrikhallen. Das passt gut ins Ruhrgebiet. Fritz von Uhde (1848–1911) war erst Offizier, dann Maler. Hans Thoma (1839–1924) aus dem Schwarzwald leitete später die Kunsthalle Karlsruhe. Wilhelm Steinhausen (1846–1924) war Maler und Lithograf. Und Arnold Böcklin (1827–1901) aus Basel steht für den Symbolismus. Sein berühmtestes Motiv ist „Die Toteninsel“. Böcklin war übrigens auch Bildhauer. Eine eigene Bildhauer-Straße gibt es im Viertel nicht.

Alle Künstler-Straßen auf einen Blick

Dein Spaziergang durchs Künstlerviertel

Die Route folgt nur Straßen, die laut Straßenliste wirklich miteinander verbunden sind. Plane gut eine Stunde ein, mit Pausen gern länger.

  1. Start an der Gemarkenstraße. Hol dir einen Kaffee und geh in die Holbeinstraße. Dort steht die Kirche St. Mariä Empfängnis.
  2. Renaissance-Runde. Die Holbeinstraße bringt dich zur Barthel-Bruyn-Straße. Über die Dürerstraße geht es zurück zur Gemarkenstraße. Auch Schongauerstraße und Raffaelstraße verbinden die beiden Straßen.
  3. Richtung Westen. Die Gemarkenstraße endet an der Rembrandtstraße. Geradeaus geht es als Lenbachstraße weiter.
  4. Münchner Ecke. Von der Lenbachstraße biegst du in die Uhdestraße oder die Steinhausenstraße ab. Beide führen zur Kaulbachstraße. Zurück geht es über die Kleine Lenbachstraße.
  5. Nazarener-Viertel. Die Lenbachstraße endet an der Bendemannstraße. Sie bringt dich zur Overbeckstraße. Von dort erreichst du über die Hans-Thoma-Straße die Veitstraße, dann Führichstraße und Schnorrstraße. Die Schnorrstraße trifft auf die Schadowstraße.
  6. Zurück ins Zentrum. Die Schadowstraße führt zur Keplerstraße. Von dort geht es über die Menzelstraße wieder zur Lenbachstraße. Über die Rembrandtstraße und die Böcklinstraße kommst du zur Cranachstraße. Von da ist es nicht weit bis zum Holsterhauser Platz.

Unterwegs lohnt ein Blick auf echte Kunst: die Skulptur „Die drei Grazien“ beim Holsterhauser Platz und Waldemar Ottos „Mann aus der Enge hervortretend“. Mehr dazu findest du unter Kunst im öffentlichen Raum.

Kleine Geschichten am Rand

Nicht jeder Name im Viertel gehört einem Maler. An der Bendemannstraße zweigt die Straße In der Täpperie ab. Sie erinnert an die Familie Täpper, aus der der Essener Heimatdichter Wilhelm Täpper stammte. Und die Windmühlenstraße erinnert an eine Windmühle, die von 1871 bis 1899 an der Ecke zur Kaulbachstraße lief. Wer mehr über die Namen im ganzen Stadtteil wissen will, startet im Straßen-Lexikon.

Fazit

Das Künstlerviertel ist kein Museum, sondern ein ganz normales Wohnviertel mit Bäcker, Kita und Bahnhaltestelle. Aber jedes Straßenschild erzählt ein Stück Kunstgeschichte. Nimm dir einen freien Nachmittag und lauf die Route einmal ab. Danach siehst du Holsterhausen mit anderen Augen.